Ob du recht hast oder nicht sagt dir das Gericht?
Gerichte ächzen unter Aktenbergen, Verfahren dauern Jahre, und die Kosten explodieren! Konfliktbearbeitung im staatlichen System ist für viele Unternehmen und Privatpersonen zur wahren Belastungsprobe geworden. Parallel dazu erleben Verfahren wie Mediation, Schlichtung, Ombudsverfahren, Schiedsgerichtsbarkeit oder Collaborative Law eine bemerkenswerte Wiederentdeckung.
Diese Formen der aussergerichtlichen Streitbeilegung (ADR – Alternative Dispute Resolution) haben lange Traditionen. Schon in der Antike wurde Streitbeilegung im öffentlichen Interesse gütlich und durch vermittelnde Dritte gesucht, oft bevor Richterinnen bemüht wurden. Heute knüpfen Mediatorinnen, Ombudsleute und Schiedsgerichte an genau diese Idee an, den Konflikt im Dialog statt durch Urteil zu klären.
Wer je einen Gerichtsprozess erlebt hat, weiss: Am Ende gibt es selten echte Gewinner. Der „Sieger“ zahlt oft einen hohen Preis. Finanziell, emotional oder reputativ. Der „Verlierer“ fühlt sich ungerecht behandelt. Selbst ein rechnerischer Erfolg kann sich leer anfühlen, weil Beziehungen zerbrochen, Chancen vertan und Vertrauen zerstört wurden. Anders gesagt: Ein Prozess mag den Streit beenden, aber selten den Konflikt lösen.
Gleichzeitig muss klar sein: Es gibt Konflikte, in denen ein Gericht der einzige Weg ist. Wenn es um Straftaten, staatliche Eingriffe, klare Rechtsverletzungen oder Grundsatzfragen geht, braucht es das Urteil einer unabhängigen Instanz. Das Rechtssystem ist das Rückgrat unserer Rechtsstaatlichkeit. Gerade deshalb sollte es dort eingesetzt werden, wo tatsächlich ein rechtlicher Entscheid notwendig ist.
Spannend ist dabei auch der aktuelle Begriffswechsel: Immer häufiger sprechen Fachleute von „Adequate Dispute Resolution“ statt „Alternative“. Der Begriff adäquat zeigt, dass es nicht um die Ausnahme, sondern um die passende Methode geht. Differenziert nach Konfliktnatur, Beziehungsdynamik und Zielsetzung. Statt „Alternativen“ zum Gericht werden diese Wege als gleichwertige, oft überlegene Instrumente gesehen.
Die Vorteile liegen auf der Hand:
- Schnelligkeit und Effizienz: Entscheidungen oder Verständigungen entstehen in Wochen, nicht in Jahren.
- Kostenkontrolle: Keine endlosen Verfahrens- oder Gerichtskosten.
- Wahrung von Beziehungen: Gerade im wirtschaftlichen Umfeld kann der Dialog die Geschäftsbeziehung retten.
- Vertraulichkeit: Anders als öffentliche Verfahren schützen diese Verfahren sensible Informationen.
- Eigenverantwortung: Parteien entwickeln die Lösung selbst – tragfähiger und nachhaltiger als ein fremdes Urteil.
In einer Zeit, in der unsere Justizsysteme an Grenzen stossen, gewinnen diese adäquaten Wege der Konfliktbearbeitung an Bedeutung. Nicht weil sie „alternativ“, sondern weil sie zeitgemäss sind.
Immer wichtiger wird auch die Rolle der Anwältinnen und Anwälte in diesem Wandel. Sie sind längst nicht mehr nur „Kämpfer im Gerichtssaal“, sondern strategische Berater, die ihre Mandanten dabei unterstützen, den passenden Weg der Konfliktlösung zu wählen und dieser Weg führt heute immer öfter über Mediation, Schlichtung oder andere ADR-Verfahren. Indem sie frühzeitig auf adäquate Streitbeilegung hinweisen und darin mitwirken, tragen sie dazu bei, Risiken zu reduzieren, Beziehungen zu schützen und nachhaltigere Lösungen zu ermöglichen.
👉 Mein Impuls: Wenn Du das nächste Mal in Deinem Umfeld einen aufkeimenden Konflikt bemerkst, sei es im Unternehmen, im Projekt, im Verwaltungsrat oder als beratende Anwältin/Anwalt, denke frühzeitig an Mediation oder andere adäquate Verfahren. Der Schritt weg vom Gerichtsprozess ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Weitsicht. Konflikte konstruktiv zu lösen heisst, Verantwortung zu übernehmen, für Beziehungen, Werte und Zukunft.